Sonntagvormittag, 10:00 Uhr: Ich sitze im Warmen, vor mir ein reich gedeckter Frühstückstisch, mir gegenüber eine überaus liebe Freundin & Gesprächspartnerin. Da ist alles was für mich einen perfekten Sonntagsbrunch ausmacht. Der Blick aus dem Fenster lässt einen sonnigen, aber eisig kalten Tag vermuten; unschuldig fein liegt Schnee auf den Straßen. Wie liebe ich doch solche Tage. Noch mehr liebe ich das Leben, gutes Essen und vernünftige Gespräche.

 

„Ist das Glück…?“ frage ich, „… gemeinsam mit einem lieben Menschen ein reichhaltiges Frühstück genießen?“ Glück, nichts Erzwungenes, sondern ein Zustand, der sich einstellt, wenn uns etwas gelingt, in einem Werk, einer Beziehung, einer Gesellschaft. Ein Zustand der sich einstellt, wenn wir Menschen uns miteinander verbunden und füreinander verantwortlich fühlen.

„Verantwortlich fühlen“, tippe ich den Begriff bei Google in mein Smartphone. Dort wird Verantwortung als ‚die Pflicht, dafür zu sorgen, dass das Notwendige und Richtige getan wird und kein Schaden entsteht‘ bezeichnet.

 

„Moment mal!“, reißt mich meine Freundin aus meinen Recherchen. „Es ist Sonntag. Du willst doch nicht an einem Sonntag verantwortlich sein!“

Richtig, ich will überhaupt für nichts verantwortlich sein, sondern genießen … und zwar mein Sonntagsfrühstück.

Entschlossen schiebe ich also den ernsten Gedanken beiseite.

 

Es ist doch viel bequemer unmündig zu sein.

 

Doch der Gedanke hält mich fest, er zieht mich förmlich an sich, „verantwortlich sein“, und blickt mich aufdringlich fragend an: „Was findest du dort auf deinem Frühstückstisch?“  

Das Ergebnis eines Lebensmittelsystems, das sich auf das lukrative Geschäft mit "bequemen Essen [1]" spezialisiert. 

Oder das Resultat einer tragfähigen, regional nachhaltigen Landwirtschaft? Und damit den sichtbaren Beweis für die wert- & liebevolle, aber harte Arbeit, die die Bauern & Bäuerinnen tagtäglich für uns leisten?

„Ach“, seufze ich,

„Es wäre doch so bequem unmündig zu sein …!“

… und schaffe es doch nicht.

 

In der Konsumwelt des 21. Jahrhunderts vermarkten die diversen Super-, Mega- & Hybridmärkte des Landes große Teile der landwirtschaftlichen Produkte.

Damit sind sie zu den einflussreichsten Weichenstellern am schmalen Weg vom Feld auf den Teller geworden. Sie bestimmen, welche Lieferanten ihre Produkte zu welchen Preisen verkaufen & damit auch jene Produkte, die wir in den Regalen finden.

„Welche Produkte finde ich auf meinem Frühstückstisch?“

Ein knuspriges Vollkornbrot von goldgelben Getreidefeldern, zwei weich gekochte 5-Minuten-Eier von glücklichen Freilandhühnern, frische Alpenmilch, cremige Süßrahmbutter, hauchdünn geschnittener Beinschinken, feiner Ziegenkäse, ein herzhaftes Lachsfilet mit frischem Dill & Honigsenf.

Ich finde nicht nur starre Produkte, sondern LEBENsmittel die (Glücks)gefühle hervorrufen, finde Lebenseinstellungen & Lifestyle, Anerkennung & Prestige. Jedes einzelne Produkt ist damit emotional & untrennbar mit bestimmten Bildern & Vorstellungen, „wie die Welt sein soll“ verbunden.

So ist das.  

Daher treffe ich auch bei jedem Kauf eine Entscheidung – bewusst und unbewusst. Bei jedem Kauf setze ich ein starkes Zeichen meiner kulinarisch ethischen Mündigkeit & bei jedem Kauf zahle ich einen dreifach wirksamen Preis – ökonomisch, ökologisch & sozial.

 

Daher sehe ich es als meine Pflicht, das Notwendige und Richtige zu tun, ohne dass dabei ein Schaden entsteht. Dieses Pflichtgefühl ist nichts Erzwungenes, sondern ein Zustand der sich einstellt, wenn wir Menschen uns miteinander verbunden und füreinander und unser Handeln verantwortlich fühlen.

 

Ja, das ist es! Das ist mein Glück! Und ich will mich für diese Glückserfahrung so oft wie möglich bewusst entscheiden!

 

Sonntagvormittag, 10:30 Uhr: Ich sitze im Warmen, vor mir ein reich gedeckter Frühstückstisch, mir gegenüber eine überaus liebe Freundin & Gesprächspartnerin.

Und doch ist jetzt etwas anders …

Ich frage Sie, liebe Leserinnen und Leser:

„Was bedeutet Glück für Sie?“

 

Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

 

Ihre Julia Anna Jungmair (Gastautorin)

 


[1] Google schlägt dies übrigens als Übersetzung für ‚Fast Food‘ vor

Kommentare (8)

  1. Elisabeth Forstner am 26.01.2018
    Drei glückliche und gesunde kinder zu haben!
  2. Elisabeth Forstner am 26.01.2018
    Meine drei wundervollen Kinder
    1. Julia A. Jungmair am 04.02.2018
      Danke Lisi! Das erste was mir dazu einfällt:

      ‚Sei frech, und wild, und wunderbar!‘

      Astrid Lindgren, großes Vorbild für viele Kinder & Erwachsene.
      0
  3. Julia A. Jungmair am 26.01.2018
    Auf facebook gab’s Komplimente für mein liebevoll garniertes Frühstücksbrot. Vielen lieben Dank Flo!
    Peter meinte darauf, meine notorische Liebe zum Detail (ich nenne sie zumindest so) sei mehr etwas „für Feinschmecker, die es sich leisten können“.

    Peter, diese Aufschlüsselung ist für Dich! <3

    + Vollkornbrot
    Feinschmecker backen selber :) Das Rezept hab ich EXKLUSIV für dich fotografiert.

    + Alpenbutter
    2,59€ für 250g (Stand: 26.01.2018); Alpen darf sie sich übrigens nur deshalb nennen, da Österreich ein Alpenland ist. Wie soll ich sagen? Hier sind wir tatsächlich bei der Werbung angekommen! :/

    + Schlierbacher Schlosskäs
    Den gibt’s um 2,49€ für 125g im Supermarkt deines Vertrauens (Stand: 26.01.2018).

    + Vogerlsalat
    Den müssen wir nicht aus’m Sackerl zu nicht-akzeptierbaren Preisen kaufen. Ich bau den seit kurzem am Wohnzimmer-Fensterbankerl an – HALLELUJA!!! https://www.selbstversorgerland.de/garten/an-aufzucht/vorzucht-auf-der-fensterbank-es-gruent-440)
    Also Peter, schaff Platz auf’m Bankerl! :)

    + Ja, und den Schinken …
    Den hab ich von meinem Schweindl-Bauern des Vertrauens. Da gibt’s keine Kompromisse (1,50€ für 100g; Stand: 26.01.2018).

    Was sagt ihr?
    Gibt's einen Zusammenhang zwischen der Liebe zum Detail & dem Geldbörserl?

    Julia
  4. Thomas am 11.02.2018
    Nachdem Ich dieses Wochenende seit langem wieder einmal eine sehr gute Freundin traf, was für mich bereits Glück bedeutet, stellte sich in unserm Gespräch auch einmal die Frage ob wir nicht glücklicher sein sollten über das was wir haben, darum möchte ich auch hier diesen Gedankenaustausch teilen und dieser Seite anpassen.
    Meiner Ansicht nach fehlt es uns immer mehr Dankbar zu sein für das was wir haben, denn erst wenn wir dankbar sind bereitet es uns auch Glücksgefühle. Auch wenn bei den meisten noch keine Glücksgefühle aufkommen werden wenn sie dankbar dafür sind einem Sozialstaat wie Österreich geboren zu sein, werden diesem Gedanken doch mehr folgen können wenn ich sage das Ich dankbar dafür bin bei meinen Eltern aufgezogen worden zu sein und ja diese Dankbarkeit ruft sofort zahlreiche Kindheitserinnerungen hervor, die sofern ich mich darauf einlasse mich für den momentan wieder etwas glücklicher machen. Umgekehrt weiß ich aber auch dass meine Dankbarkeit und mein Glück auch meine Eltern bei dem Gedanken daran dass ich darüber glücklich bin sie glücklich macht.
    Sollte es uns in weiter Folge nicht auch glücklich machen das wir dankbar dafür sein Können dass wir durch unsere Kaufentscheidung z.B. durch den Kauf von Eiern von glücklichen Hühner aus Freilandhaltung, wir nicht nur Hühner sondern auch die Landwirte glücklich machen?
    1. Julia A. Jungmair am 16.02.2018
      Hallo Thomas!
      Glück ist, eine sehr gute Freundin zu treffen. Was für ein Glück, solch ein Glück zu haben! :)

      Glück ist für dich Heimat, Familie, gemeinsame Erinnerungen, sich gemeinsam mit lieben Menschen zu freuen, durch das eigene Tun auch andere Menschen glücklich zu machen …
      Du schreibst auch, dass der Gedanke an vergangenes Glück das Gefühl im Umkehrschluss wieder hervorruft?!
      Also … das finde ich einfach GROSSARTIG!
      Demnach können wir unser Glück nicht nur mit Erinnerungen archivieren, sondern auch jederzeit für später - quasi „auf Abruf“ bereithalten! :)

      Ich werde das gleich ausprobieren und mir ne‘ Eierspeis machen …
      Auf die glücklichen Hühner & die noch glücklicheren Bäuerinnen und Bauern!

      Vielen herzlichen Dank für Deine Gedanken

      Julia
      0
  5. Gerhard am 07.08.2018
    ad "Feinschmecker, die es sich leisten können" - " die Liebe zum Detail" - "Glück" und wie das für mich alles zusammenhängt.

    Julia, hat der Thomas sich wirklich auf das Geld bezogen? Eine nette Antwort, die Aufschlüsselung der Preise. Aber - eben - ich muss den Kopf schütteln, ist der Luxus nicht eher in der Zeit, die in die Liebe zum Detail fliesst? Und auch hier könnte man sagen: Diese Zeit hat nicht jeder oder jede. Denken wir an eine Alleinerziehende mit Job und das alles unter einen Hut bringen. Meine Mutter war so eine, und wir hatten nie genug Geld. Aber wir hatten immer gutes Essen, und immer mit Liebe angerichtet.

    Ich denke, es ist eine grundsätzliche Entscheidung. Eine Entscheidung für Lebensqualität, und die liegt für mich u.a. in der Qualität des Essens, des Umgangs miteinander, ja, und auch in der Zeitqualität. Die einen geben das Geld für einen guten Käse aus und Bio-Lebensmittel, die anderen für Cola und Chips. Und das Plädoyer für die selbstangebauten Tomaten auf dem Balkon oder den selbstgezogenen Vogerlsalat vom Fensterbankl würde ich ja nicht wegen der Geldersparnis halten (wie mal wer anderes sehr dumm vorgeschlagen hat), sondern wegen der gewonnen Zeitqualität. Das langsame Wachsen der Pflanzen lässt unsere Zeit auch langsamer vergehen. Wir verlieren nicht, wir gewinnen Zeit, wenn wir uns Zeit dafür nehmen! Fürs Pflanzengießen, fürs Brotgarnieren.

    Und diese gewonnene, genommende Zeit ist Glück. Glück ist nur im Augenblick. Im bewusst gelebten, erlebten Augenblick. Ein liebevoll garniertes Brot. Kein Luxus. Sondern Leben. Das ist da, wo sich immer wieder einmal Leben abspielt. Ansonsten laufen wir ja eh meistens irgendwelchen Terminen, Pflichten, Aufgaben, Zielen und was nicht alles nach und haben keine Zeit zum Leben. Die Liebe zum Detail ist kein Luxus, den sich Reiche leisten können, sondern ganz bescheiden die Entscheidung, wieder einmal einen Moment zum wirklichen Leben zu nehmen.

    Also ich glaube, es gibt wenig Zusammenhang zwischen der Liebe zum Detail und dem Geldbörsel, aber wohl dem Glück!

    Danke, dass ich die Gelegenheit hatte, mir diese Minuten zu nehmen, um über das Glück und die Zeit zu reflektieren,

    Gerhard
  6. Gerhard am 07.08.2018
    Und Julia,

    vielen Dank für Dein Plädoyer für Astrid Lindgren!

    Gerhard

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