Von Mensch-Tier Beziehungen & wann sie zu weit gehen

 

Zu Allerheiligen träume ich mich regelmäßig an wahrhaft zeitlose Orte. Orte, die alte und neue Traditionen verbinden; dynamische Orte, die sich täglich, wenn nicht stündlich neu erfinden; Orte, die mich mit ihrem pulsierenden Leben hoffnungslos verführen.

Dieses Jahr träume ich mich zurück nach Tokyo. 10 Flugstunden & 8 Zeitzonen östlich der österreichischen Alpen leben und arbeiten hier 9,5 Mio. Menschen – 1 Mio. mehr als in ganz Österreich zusammen. Man kann sich also vorstellen: Hier ist immer was los!

 

Der Vorteil von einer Stadt die niemals schläft:

Man ist auch nie allein. Irgendwo ist immer irgendwer, eilend von einem Ort zum anderen. Und ganz plötzlich inmitten dieser irgendwie doch charmanten Metropolen-Hektik erhebt sich in schlichter Vollkommenheit ein Bauernhof. 

Nun gut, zumindest riecht und hört er sich an wie einer.

 

Geschickt getarnt als Bürogebäude, beheimatet Pasona, eine der größten Personalvermittlungsunternehmen Japans, im 13. Stock einen bunten Haufen Leben: ein 10-er Set Ziegen, ein Paar Kühe, ein einziges, dafür sehr soziales Alpaka, eine Herde Miniatur-Schweine und diverse „Rastafari“-Zwergseidenhühner.

Was die dort tun?

Ganz einfach:

Für die „Work-Life Balance“ der 4.000 Mitarbeiter sorgen. Die können nämlich jeden Tag hierherkommen, den Tieren bei was auch immer zusehen, sie streicheln und dabei entspannen. Und Entspannung ist grundsätzlich nie verkehrt, gerade wenn wir vor lauter „Dringlichkeiten“ manchmal vergessen, uns selbst etwas Gutes zu tun. 

 

Vom natürlichen Streben nach „etwas“ & dem Kernproblem unserer Zeit.

Im Jahr 2018 reisen wir also zum Mars, basteln weiter an nuklearen Waffen und halten Tiere in Hochhäusern. Nennen wir es einfachheitshalber das natürlich Streben nach „etwas“, was uns Menschen dorthin – also hierher – gebracht hat.

Und da wo wir heute sind ist Stress DAS Kernproblem unserer Zeit. Als Konsequenz unausgeglichener Lebensstile melden sich Körper und Geist mit Verspannung, Erschöpfung bis hin zu Burn Out. Konsequenzen, die wir selbstverständlich korrigiert haben wollen. Und der Markt hält klarerweise auch schon Lösungen bereit: digitale Gesundheitsapps, künstlich intelligente-Lebenscoachs und auf Robotik basierende Wohlfühlangebote sprießen wie Parasol-Pilze aus den Waldböden. Sie versprechen uns Mehr – mehr Glück, mehr Zufriedenheit, mehr Dankbarkeit, mehr Ausgeglichenheit.

Das verlockende (An)Gebot der Stunde lautet:  Mehr Achtsamkeit!

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Von gesundheitlichen & anderen Bedürfnissen.

Und die Japaner? Die scheinen dieses Spiel nicht mitzuspielen. Die pulsierende Hauptschlagader der technologisierten Welt, geht mit ihren „Smart Products“ in den Flugmodus, hält inne und besinnt sich bei der Stressprävention auf den Stoff, dem wir alle entstammen: Die Natur. Genauer gesagt auf ihre heilende Wirkung. 

Im Rahmen der Naturtherapie wissen wir, dass auch Tiere, abhängig von ihrem individuellen Charakter, bestimmte gesundheitsfördernde Wirkungen auf uns Menschen haben. So stimmt uns der Anblick eines quietschenden Miniatur-Schweines fröhlich, das Streicheln eines wolligen Schafes beruhigt uns. Japan macht genau dieses Wissen in den Hochhäusern des Landes unmittelbar für den Menschen nutzbar. Ist das Recht? Fehlt nur noch, dass die Tiere mit uns sprechen, um uns ihre diversen charakterlichen Vorzüge schmackhaft zu machen …

Doch, … was heißt hier fehlen?

Wir finden diese Vorstellung bereits in Märchen, Filmen oder Werbungen umgesetzt*. Und dank umfassender Studien wissen wir auch, dass gewisse Tiere (ebenso wie Pflanzen) über eine gewisse Form von Bewusstsein verfügen und miteinander kommunizieren.

Dennoch sind Kühe, Schweine, Hühner und ihre Artgenossen Tiere. Und damit nicht in dem Umfang selbstbewusst (im Sinn von sich „ihrer Existenz bewusst“), wie wir Menschen es normalerweise sind. Der Mensch und das Tier sind nicht gleich.

 

Kommen sich Mensch & Tier in die Quere?

Wären wir gleich, würden wir - sinngemäß nach Thomas Hobbes - auch das Gleiche wollen & daher miteinander darum kämpfen müssen. Wären wir im Umkehrschluss ungleich, kämen unsere menschlichen Bedürfnisse jenen der Tiere nicht in die Quere. Doch das tun sie.

Zum Beispiel, wenn wir Tiere in Hochhäusern, Wohnungen oder zu kleinen Ställen halten, ihnen Eigenschaften zuschreiben, die sie nicht besitzen (können) oder ihnen leuchtende Pullover anziehen.

Um diesen Tieren, die in vielen Fällen tatsächlich keine Stimme haben, eine Stimme zu geben, gibt es staatliche Tierschutzgesetze und Tierwohlstandards. Ihre Idee ist es, Frieden und Sicherheit zwischen uns Menschen und den Tieren zu garantieren.

Oftmals weit über staatlich gesetzliche Basisstandards hinausgehend sorgt sich vor allem eine Berufsgruppe um das bestmögliche Wohl ihrer Tiere: unsere Bauern und Bäuerinnen.

 

Und wer weiß,

vielleicht ist genau diese

respektvolle Beziehung zwischen Mensch & Natur

der Schlüssel zu mehr Ausgeglichenheit & Work-Life-Balance?

 

 

Ihre

Julia A. Jungmair

 

*Dieser Traum wurde zumindest teilweise Wirklichkeit, als 1967 zwei Wissenschaftler an der Universität von Nevada, Allen und Beatrice Gardner herausfanden, dass die sprachliche Kommunikation nicht an der Intelligenz, sondern an den fehlenden stimmlichen Voraussetzungen scheiterten. Sie beschlossen also, eine junge Schimpansin wie ein menschliches Baby zu behandeln. Tatsächlich lernte die Schimpansin (ihr Name war Wahoe) 350 Zeichen zu verstehen und ca. 250 korrekt wiederzugeben.

 

 

Quellen:

·      area (2018): Pasona urban ranch. https://www.area-arch.it/en/pasona-urban-ranch/ (26.10.2018)

·      Japan Info (2016): Visit Tokyo’s Urban Farm of the Future: Pasona 02. jpninfo.com/39731 (26.10.2018)

·      Köhlmeier, M. und K. P. Liessmann (2016): Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? – Mythologisch – philosophische Verführungen. München: Carl Hanser Verlag.

·      OECD – Organisation for Economic Co-operation and Development (2018): Arbeitsstunden. https://data.oecd.org/emp/hours-worked.htm (26.10.2018) 

·      Singer, P. (2013): Praktische Ethik. 3. Auflage. Stuttgart: Reclam.

 

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