Marianne - der Wert gemeinsamer Erinnerungen

Es ist Freitag, und wie jeden Freitag rufe ich Marianne an. Damit habe ich irgendwann mal angefangen & nicht wieder aufgehört.

Marianne ist meine Nachbarin & Freundin, zuhause in Oberösterreich, sie ist 80 Jahre jung & Ur-Oma von vier Ur-Enkeln – bald werden es fünf.

Marianne macht das beste Kalbsrahmbeuschel. Und nicht nur das; sie macht auch den weltbesten Kärntner Reindling. Wenn ich ihr das dann sage, ernte ich nur ein bescheidenes „Ah geh, woher denn?“.
Klar, für eine gebürtige Wirtstochter aus dem Mühlviertel ist das alles selbstverständlich.

„Julia, wann kommst mich denn wieder mal besuchen?“ fragt sie durch das Handy. 

Das lass ich mich nicht zweimal fragen! Das Wetter ist herrlich & die Distanz überschaubar. Grund genug 3 Stunden später vor Mariannes Haustür zu stehen & sogleich herzlich begrüßt, „gschaftig“ von ihr durch den Vorraum, weiter in den Garten geschoben zu werden.
Auf die „Goartnbeng“ werden wir uns setzen, weil es dort schon 32 Grad habe (Wie bitte? Es ist März!). Und „nur a Neichtal“ soll ich noch warten, denn Marianne war gestern im Wald, mit ihren Ur-Enkeln & dort hat sie was ganz besonders Feines gefunden:
„An Bärlauch, den gibt’s nämlich schon, mit am Dopfen und am guad‘n Schwoarzbrot – das moch i da jetzt“.
Und weg war sie.

Also gut, das macht sie mir jetzt –
Bei Marianne ist Widerstand zwecklos …
und genau dafür liebe ich sie!

 

Der Wert gemeinsamer Erinnerungen.
So sitze ich also auf der „Goartnbeng“ bei gefühlten 32 Grad (Ja, tatsächlich!), lausche aus der Ferne den Stimmen des Waldes & stelle mir vor, wie Marianne mit ihren Ur-Enkeln den Wald erobert:
Hinter jedem Baum steckt ein neues Abenteuer das erlebt werden will! Daher haben sie auch einen kleinen Rucksack und ein Taschenfeitl mit – sie wollen schließlich vorbereitet sein, wenn ihnen etwas begegnet – der erste Bärlauch zum Beispiel, der sich zart aber entschlossen aus dem Boden hebt.

Das ist Qualitätszeit! Gemeinsame Zeit, ohne Ablaufdatum, die die Kids in ihrer ganzen Fülle aufnehmen & verinnerlichen.  Kindheitserinnerungen, von denen sie noch Jahre später ihren Freunden und vielleicht sogar Kindern erzählen. Da ist kein Erlebnis zu viel und keines zu wenig. Alles wird verwertet.

 

Qualität vor Quantität als Grundton unserer Zeit.
Ganz anders verhält es sich mit den überflüssigen Dingen die wir anhäufen und mit unmittelbarem Ende ihrer Lebensdauer entsorgen. Manchmal schon davor, manchmal erst danach. Wir lassen uns von Nimm 3- zahl 2 Aktionen verführen und mit Mindesthaltbarkeits &- Ablaufdaten entmündigen.
Warum tun wir das?

Vielleicht weil wir – ich denke an Hermann Lübbes „Verkürzung der Gegenwart“ – das Gefühl haben, unsere Zeit durch künstliche Füllung strecken zu müssen? Darum quetschen wir hier noch schnell einen Termin rein & jagen dort noch schnell einem Angebot nach. Um kurz darauf, nicht zu selten maßlos überfordert, die leuchtenden Werbeversprechen enttäuscht in den Müll zu werfen. Wir nennen dieses Verhalten dann innovativen Fortschritt oder wirtschaftliches Wachstum.

Grenzen als Chancen erkennen.„Wir müssen uns mit Grenzen auseinandersetzen“, so lautete bereits 1972 die Botschaft des „Club of Rome“, etwas was heute jeder versteht. Grenzen schaffen auch immer Chancen und Möglichkeiten der Veränderung, des Neubeginns und der Neuorientierung. Die Natur macht es uns vor: Sie erfindet sich dadurch stetig neu. Und sie ist richtig gut darin! In ihrer schlichten Vollkommenheit bringt sie beste Qualität hervor & gibt sich dabei selbst nur mit dem besten zufrieden. Da ist Nichts zu viel und Nichts zu wenig. Alles findet Verwendung. Mutter Natur nutzt jedes Detail & bindet alles in den Kreislauf des Lebens ein. Von diesem natürlichen Grundverständnis der Natur könnten wir uns öfter eine Scheibe abschneiden.

 

Lieber Leser, liebe Leserin,
gibt es auch in Ihrem Leben Menschen, von denen Sie sich eine Scheibe abschneiden?
Vorbilder aus Ihrer Kindheit, einen Menschen den sie bewundern, schätzen oder lieben?
Liebe Menschen die durch ihre Anwesenheit den Tag erhellen?

Marianne ist für mich so ein Mensch.
Ich freue mich zu erfahren, wer diese Menschen in Ihrem Leben sind!

 

Und übrigens:

"Marianne! Dieses Bärlauch-Topfenbrot ist der Hammer!"

 

Kommentare (2)

  1. Gottfried Mayr am 22.03.2018
    Liebe Julia,

    danke für diese herzerwärmenden Worte!
    Ja, bei mir sind das meine Oma und mein Opa, bei denen ich als Kind sehr viel Zeit verbracht habe. Sie haben wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, sind auch am Tiefpunkt gelandet und haben so zu sagen für kurze Zeit alles verloren. Heute treffe ich sie, trinke mit ihnen etwas oder esse selbst gemachtes Eis von meinem Opa und kann in jedem Gespräch etwas neues lernen. Sie sind durch dick und dünn gegangen und dadurch in einer gemeinsamen Stärke neu erschienen die ihresgleichen sucht. Von ihnen habe ich gelernt, Demut zu zeigen und jedes Gespräch und jeden Moment den man gemeinsam hat zu schätzen. Das alles ist nämlich nicht mit Geld zu bezahlen.
  2. Julia A. Jungmair am 24.03.2018
    Lieber Gottfried,

    selbst gemachtes Eis! Vielleicht kannst du deinem Opa da mal das Rezept entlocken? :)
    Gerade heute habe ich, als ich beim Belvedere spazieren war, kurz überlegt mir eines zu gönnen!

    Da bin ich ganz bei dir: Es ist ein Glück für Kinder, mit Großeltern aufwachsen zu dürften.
    Es sind genau ihre – wie du schreibst – Schicksale, Erfahrungen & Weisheiten die mich auch faszinieren und vor allem eines gelehrt haben: Empathie.
    Empathie im Sinn von Demut, Dankbarkeit, Toleranz, Achtsamkeit & Mitgefühl gegenüber uns selbst und unseren Mitmenschen.
    "Das alles ist nämlich nicht mit Geld zu bezahlen." (Zitat Gottfried)

    Julia

Neuen Kommentar schreiben